Warum eure Familiengeschichte genauso viel wert ist wie euer Hochzeitstag
Ich sitze gerade an einer Galerie. Eine Hochzeit von letzter Woche, dazwischen ein paar Bilder von einer "Day in the Life"-Session, die ich am Tag danach gemacht habe. Zwei Aufträge, zwei Familien, ein Tag Abstand. Beim Sortieren fällt mir auf, wie unterschiedlich die Leute an diese beiden Dinge rangehen.
Bei der Hochzeit war das Budget für den Fotografen klar. Der steht auf der Liste ziemlich weit oben, gleich nach der Location. Bei der Familiendokumentation musste ich dagegen erst mal erklären, was das überhaupt ist. Warum sollte man dafür bezahlen, einen ganz normalen Dienstag zu fotografieren? Man hat doch das Handy.
Genau darüber will ich heute schreiben.
Ein Tag, der einmal passiert – und Tage, die sich jeden Tag wiederholen
Eine Hochzeit ist ein einziger, klar abgegrenzter Tag. Deshalb geben Paare dafür gerne Geld aus: Der Tag kommt nicht zurück, das ist jedem klar.
Euer Familienleben ist im Grunde genauso. Nur eben nicht als ein Tag, sondern als tausend einzelne Momente. Das Frühstückschaos, weil keiner sich auf ein Schulbrot einigen kann. Das Kind, das mit zwei linken Schuhen los will, weil es "heute so entschieden" hat. Der Moment, in dem euer Baby zum ersten Mal richtig laut lacht, während ihr genervt die Spülmaschine ausräumt. Jeder einzelne dieser Momente ist genauso unwiederholbar wie ein Hochzeitstanz. Nur weil es so viele davon gibt, halten die wenigsten sie fest – dabei kommt keiner von ihnen ein zweites Mal.
Wir geben oft viel Geld für den einen besonderen Tag aus, aber kaum etwas für die vielen Tage, aus denen eine ganze Kindheit besteht. Dabei sind genau diese Tage es, an die sich eure Kinder später erinnern wollen. Nicht an ein gestelltes Foto vor grauem Hintergrund, sondern daran, wie es bei euch zu Hause wirklich war.
Warum das Handyfoto nicht reicht – und das ist völlig okay
Ich will hier niemandem das Handy madig machen. Ich fotografiere selbst ständig damit, wenn ich nicht arbeite. Aber es gibt einen Unterschied zwischen "schnell ein Foto machen" und "einen Tag begleiten".
Wenn ihr selbst fotografiert, seid ihr immer mitten im Geschehen. Ihr seht nicht, wie euer Partner euer Kind beim Anziehen anschaut, weil ihr selbst mit dem Kaffee kämpft. Ihr merkt nicht, wie das Licht gerade durch die Küche fällt, weil ihr mit dem Frühstück beschäftigt seid. Das ist auch nicht euer Job an diesem Tag. Euer Job ist, die Kinder anzuziehen, den Streit ums Schulbrot zu schlichten und den Kaffee halbwegs warm zu bekommen.
Mein Job ist, in diesem Chaos möglichst unauffällig zu sein. Nicht "bitte nochmal, alle lächeln" rufen, sondern einfach da sein und sehen, was ohnehin passiert. Nach zehn Minuten vergesst ihr in der Regel, dass ich überhaupt im Raum bin.
Es gibt noch einen zweiten Grund, warum das Handyfoto nicht reicht, und der fällt meistens erst später auf: Wer fotografiert, ist selbst nicht auf dem Bild. Wenn immer dieselbe Person zur Kamera greift, fehlt genau diese Person am Ende auf fast allen Fotos. Irgendwann kommen dann die Fragen. Wo war eigentlich Mama die ganze Zeit? Und in meinem Fall: Wo war Papa?
Ich fotografiere selbst beruflich und bin trotzdem genau in diese Falle getappt. Auf tausenden Familienfotos ist meine Frau zu sehen, sind unsere Kinder zu sehen – ich bin der, der dahinter steht. Deshalb buche ich mittlerweile einmal im Jahr selbst eine dokumentarische Familiensession bei einer Kollegin. Meine Kinder sollen später Fotos haben, auf denen ich tatsächlich mit draufbin, und nicht nur die Bilder, die ich von ihnen gemacht habe.
Was ich immer wieder von Eltern höre
Bei Hochzeiten sage ich manchmal zu den Gästen: Wartet, bis ihr selbst Kinder habt oder eine Familie gründet, dann kommt der Wunsch nach dieser Art von Fotos ziemlich automatisch. Und tatsächlich schreiben mir ein paar Jahre später manche dieser Gäste wieder, weil sie inzwischen selbst Familie geworden sind. Was mir Eltern nach einer Familiendokumentation am häufigsten sagen, ist nicht "die Fotos sind schön". Es ist eher sowas wie: "Ich hatte total vergessen, wie klein sie mit zwei war" oder "Mir war gar nicht bewusst, dass mein Mann meine Tochter so anschaut, wenn ich nicht hinsehe." Es geht also selten nur um schöne Bilder. Es geht darum, etwas zu sehen, das man im eigenen Alltag gar nicht mitkriegt, weil man selbst mittendrin steckt.
Eine Hochzeit hält einen Anfang fest. Eine Familiendokumentation zeigt, was aus diesem Anfang tatsächlich geworden ist, mit allem, was dazugehört: der Erschöpfung, dem Chaos, aber auch den kleinen Momenten dazwischen, die man sonst einfach verpasst.
Beides ist wichtig – keine Entweder-oder-Frage
Ich will hier nicht gegen Hochzeitsfotografie argumentieren. Ich mache diesen Job gerne, und ein Hochzeitstag darf und soll festgehalten werden. Aber ich finde es schade, wenn Familien nach der Hochzeit denken, das Thema Fotografie sei damit für die nächsten Jahre erledigt. Der Hochzeitstag war einmal. Eure Familie verändert sich dagegen jede Woche ein bisschen, und diese Zeit lässt sich nicht nachholen. Kein Kind bleibt zwei Jahre alt. Kein Baby bleibt ein Neugeborenes. Diese Phasen sind kurz, kürzer als man beim Erleben denkt.
Deshalb sehe ich Familiendokumentation nicht als kleinen Nebenauftrag zur Hochzeitsfotografie, sondern als eigenständige Investition, die genauso wichtig ist. Nicht in ein perfektes Foto, sondern in ein ehrliches Bild davon, wie ihr gerade lebt – mit zerzausten Haaren, verbranntem Toast und allem, was dazugehört.
Wenn ihr neugierig geworden seid
Wenn ihr das Gefühl habt, dass das zu euch passt, schaut euch gern auf der Familienseite um oder schreibt mir eine Nachricht. Ich erzähle euch dann gern, wie ein Tag oder ein halber Tag mit mir konkret abläuft – unverbindlich, einfach als Gespräch.
Euer Alltag ist es wert, festgehalten zu werden. Genauso wie euer Hochzeitstag.